Abstecher auf die Insel Reichenau

Es waren Linsen am Himmel, fast wie bei Föhn, aber die Wetterlage gab das nicht her – sei’s drum: Eine lebhafte Südwestströmung hatte im Laufe des Vormittags, den ich mit Lesen und ein wenig Laufen verbrachte, die meisten Wolken weggeräumt. Fast so klar wie bei Föhn war allerdings die Luft über dem Bodensee.

Die Insel Reichenau ist erst seit 1838 durch einen Damm mit dem Festland verbunden; auch vorher war die Insel über eine Untiefe, den Seerücken an gleicher Stelle leicht zu erreichen. Deshalb steht kurz vor dem Ende des Damms die ehemalige Wasserburg Schopflen, die im Konstanzer Fischerkrieg im 14. Jh. zersört wurde, von der sich aber noch imposante, zehn Meter hohe und 2,5m dicke Mauern in die Luft recken.

Ich war gezielt auf die Reichenau gefahren: Mich fasziniert dieses Stück Land, das seit der Antike und wahrscheinlich schon lange davor ein Ort der Kultur ist. Nicht umsonst ist die Reichenau zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt worden. Es gab wohl einen Bruch zwischen der römischen Zeit und der Klostergründung durch den Hl. Pirmin 724 aufgrund der wiederholten Eroberungszüge der Alemannen (seit dem 3. Jh. – Pirmin sollte ja die Alemannen christianisieren). Eines von mehreren Beispielen dieser Kultur sind die Fresken im Münster Oberzell, entstanden um 1000 in der „Reichenauer Schule“; ich wüsste nichts vergleichbares nördlich der Alpen. Diese wollte ich nochmal sehen, das sie mich schon die letzten beiden male, dass ich hier war, sehr fasziniert hatten; nicht nur die Darstellung von im Evangelium beschriebenen Taten Jesu, sondern auch die Ornamentik, eine Art trompel’œil. Hier zunächst der Überblick der Fresken links, dann zwei Detailaufnahmen:

Oberzell, Fresco, links Krankenheilung, Fresco um 1000, Oberzell/Reichenau/Untersee/Bodensee Reicher Fischfang (Luk.5,1-11), Fresco in Oberzell, Reichenau, Untersee

Und schließlich ein Beispiel für die Ornamente:

Oberzell_Fresco_links_Ornament.JPG

Faszinierend finde ich auch die bis in das frühe Mittelalter zurückreichende Kultivierung von Heil- und Zierpflanzen auf der Reichenau. Hier sollen in karolinger Zeit die ersten richtiggehenden Züchtungen von Rosen in Europa gelungen sein. Nicht unerwähnt bleiben darf da Walahfrid Strabo, der 827 das Liber de cultura hortorum verfasste, vielleicht das früheste „Standardwerk“ der Botanik und Pflanzenheilkunde.

Weiter fuhr ich dann nach Unterzell, um einmal bei klarer Luft den Blick über den Untersee in Richtung Hegau mit seinen Vulkankegeln zu genießen, was die letzten Jahre, wenn ich hier war, nicht möglich war. Hier erstmal ein Überblick:

Ansicht von Unterzell auf der Insel Reichenau mit Zellersee, Mettnau und Gnadensee; im Hintergrund Hohentwiel, Mägdeberg u.s.w.

Der Untersee teil sich auf in den Zellersee (links) und den Gnadensee (rechts), getrennt durch die Halbinsel Mettnau (Mitte) Im Hintergrund die Vulkankegel des Hegau mit dem Phonolitkegel des Hohentwiel vorne in der Mitte und der Basaltkegel des Hohenstoffeln dahinter. Diese Vulkane entstanden frühestens mit der Auffaltung der Alpen (zuletzt des Säntis) vor ca. 14 Millionen Jahren und beendeten ihre Aktivität spätestens vor 7 Millionen Jahren. Das meiste weiche Material wie Asche und Lava wurde dann vor allem in der Riss-Eiszeit (230 – 130 Tsd. Jahre vor unserer Zeit) abgeräumt; stehen blieben die Schlote (Phonolit) und Basaltformationen. Hier noch einmal Hohentwiel und Hohenstoffel, etwas herangezoomt:

Zellersee_Hohentwiel_s.jpg ZellerSee_Hohentwiel_3s.jpg
Auf dem Rückweg – die Reichenau ist ja eines der wichtigen Gemüseanbaugebiete – habe ich noch ein paar Tomaten und eine Gurke gekauft, wobei die billigsten, nicht ganz so ansehnlichen als „Soßentomaten“ bezeichneten Früchte die aromatischsten waren…

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